Sangeslust!

Seit kurzem bin ich in einem  Männergesangverein im Peiner Land.

Aus Freude am Singen mit alten lebensfrohen Knaben!

50% meiner Sangesbrüder sind älter als 78 Jahre,  der älteste ist 92 Jahre alt, der jüngste 55.

Mit mir sank das Durchschnittsalter.

Mehr als 50% der Sangesbrüder sind länger als 33 Jahre dabei, die längste Zugehörigkeit beträgt knapp 70 Jahre.

Die Knaben scheinen recht treu zu sein, beträgt deren durchschnittliche Ehedauer doch 50  Jahre, bei einem 64 Jahre.

Das Ende vom Lied ist, dass diese Gattung rein biologisch vom Aussterben bedroht ist.

Schade: Musik, auch und gerade in Form gemeinsamen Singens ist Quelle von positiven, lebensbejahenden Gefühlen wie Gemeinsamkeit, Lebensfreude, Harmonie und wahrscheinlich lebensverlängernd.

Soziobiologen reden gern vom Flow.

Musik ruft Erinnerung hervor, Texte, Melodien aus früheren Jahren aktivieren die neuroplastische Masse im Knochenkasten auf dem Hals.

Männergesangvereine bildeten sich vor allem im 19. Jahrhundert.

Im Wunsch nach Geselligkeit und nach selbst bewussterem Auftritt organisierte sich das Bürgertum u.a. in Turn- und Gesangsvereinen, die sogar Turnfeste und Sängerfeste abhielten.

In vielen Vereinen wurde politisch debattiert, so in Arbeitergesangvereinen. Ein liberaler-antiklerikaler Zug in den Vereinen trug dazu bei, dass die Obrigkeit diesen kritisch gegenüberstand.

Nach dem 2. Weltkrieg erlebten Männergesangvereine nach Missbrauch durch die Nazis wieder Auftrieb, mein Gesangverein spiegelt das im Altersquerschnitt.

Für die 68-er Bewegung waren Gesangvereine und ihr Liedgut eher out, seitdem wackeln die Bestände der Gesangvereine, obwohl sie ein wertvoller Bestandteil der Musikkultur sind.

Jede Stimme zählt, vor allem Tenöre sind begehrt.

Durch Schwund reduzieren sich 4-stimmige Chöre (1. u. 2.  Tenor, 1. u. 2. Bass) auf 2-stimmig.
Sie singen irgendwann unisono, verschmelzen mit anderen Gesangvereinen.

Die Männergesangvereine im Peiner Land werden weiter schrumpfen und irgendwann verstummen.

Unser Männergesangverein blüht gerade auf, da unser Dirigent sein Handwerk meisterhaft versteht. Er dirigiert uns mit scheinbarer Leichtigkeit neuen gesanglichen Höhen.

Sangesbrüder, die seit Jahren gern mal abseits von Notentreue und Werktreue  ihrer Sangeslust frönen, werden sanft vom musikalischen Hirten auf die richtige Weide geführt.

Die Liederauswahl ist grenzenlos und umfasst Schlager, Gospels, Volkslieder und sakrale Stücke.

Kirchen sind besondere Orte, wo es sich schön singt!

Und am Schluss der Proben ertönt: „Wenn Sänger auseinander gehen, dann sagen sie, es war so schön!“