Der Schuh des Anstosses

Auf meiner  gut 14-tägigen Radtour in 2015 von Flensburg nach Düsseldorf habe ich viel Gelegenheit, sinnierend vor mich hin zu radeln, Kilometer und Kilometer, Stunde um Stunde, Tag für Tag…

Und dabei verliert sich mein Blick, zuvörderst auf die Landschaft, richtet sich vom unerlässlichen Augenmerk auf den Radweg wiederholt aufs Navi und zurück,

…und nicht zuletzt schweift der Blick ziellos auf die den Radweg begleitende Struktur, so auf die Bebauung, auf Zäune, auf  Bäume, auf Sträucher und entlang von Straßen unwillkürlich auch auf das so genannte Straßenbegleitgrün.

endlos MS

Mal kommt es kurzgeschoren daher, mal fällt es steil als Grabenböschung ab, immer ist es eine Senke, eine Fundgrube, für alles, was die sich bewegende, reisende, fahrende und wandernde Menschheit nicht für nötig hält, weiter auf die Reise mit zu nehmen.

In den ersten Tagen nehme ich es gar nicht so richtig wahr, da liegen neben Fastfood-Verpackungen, und Plastikmüll, teilweise volle Müllsäcke, auch Taschen, Beutel und sogar Bekleidungsstücke, wie Mützen und Jacken, Handschuhe… alle lieblos oder achtlos fortgeworfen.

Viele dieser Teile regen mich innerlich an, über die Geschichte dieser Gegenstände nachzudenken, wo und wie sie hergestellt worden sind, welchen Nutzen sie zeitweilig gehabt haben und ich frage mich, warum und unter welchen Umständen sie fortgeworfen oder verloren gegangen sind.

Handschuh

Ab und zu sehe ich auch einzelne Schuhe, anfangs beachte ich sie kaum… in der zweiten Woche massiert sich das eigenartigerweise, so dass ich an einem Tag gut nach und nach ein halbes Dutzend Schuhe, natürlich Einzelschuhe, am Straßenrand liegen sehe…

Irgendwann fange ich an, mir vorzunehmen, mal den einen oder anderen Schuh zu knipsen, tja, und dann kommt natürlich keiner…

Erst am vorletzten Tag, ich sause gerade bergab, erhasche ich im Augenwinkel einen Schuh, bremse, halte an, kehre um und mache ein Foto:

Schuh21

Ich frage mich, was hat der Besitzer des Schuhes gemacht, als er den Schuh verlor…

Ging es ihm wie Aschenputtel, die auch den Schuh verlor, und nachdem ihre bösen Schwestern trotz Teilamputation ihrer zu großen Füsse dem Prinzen nicht den passenden Fuß zum verlorenenen Schuh vorlegen konnten, zur Königin wurde, weil sie denn passenden Fuß zum Schuh hatte?

Oder ist es gar der Schuh des Manitu? Manitu galt bei Indianern als das Allumfassende Geheimnis bzw. die Große Kraft, die in allen Wesen, Dingen, Tätigkeiten und Erscheinungen wohnt? Oder der Berg mit Höhle, in welcher ein Schatz versteckt ist und den Santa Maria findet?

Eher wohl nicht.

Und warum wurde er verloren oder weggeworfen…?

In der arabischen Welt kann mensch mit kaum einem Kleidungsstück mehr Verachtung ausdrücken als mit einem Schuh: er gilt als Inbegriff von Unreinheit und Schmutz. Als die  Statue Saddam Husseins 2003 in Bagdad stürzte, bewarfen wütende Iraker das Denkmal u.a. mit Schuhen. 2008 war es US-Präsident George W. Bush, der in Bagdad bei einer Pressekonferenz vor einem Paar heranfliegender schwarzer Herrenschuhe  Deckung suchen musste. “Das ist ein Abschiedskuss, du Hund”, rief man ihm zu.

Auf wen war mensch sauer, sich des Schuhes entledigend?

Mir fällt ein, die Wohnung eines Gastgebers mit Schuhen zu betreten, ist unhöflich.

Schuhe haben durchaus eine große Bedeutung.

Ein scuoh (althochdeutsch) dient vor allem dem Schutz der Fußsohle und besteht aus Schaft und Boden, wie ich Wikipedia entnehme.

In den Hauffschen Märchen „Der kleine Muck“ kann der zwergwüchsige Junge in den Pantoffeln schneller laufen als jeder andere.

Wir denken an die Siebenmeilenstiefel, die ich als Radler manchmal auch gern hätte, vor allem wenn es bergauf geht.

„Die roten Schuhe“, ein Märchen von Andersen symbolisieren auf tragische Weise, welche Auswirkungen Eitelkeit haben kann.

Vielleicht habe ich auch eine verunglückte Variante eines  neuen Trendes, des so genannten Shoefti oder „Shoe tossing“ gesehen, bei dem Schuhe an ihren Schnürsenkeln aneinander gebunden und über eine Hochspannungsleitung geworfen werden. Einer ging verloren.

Ich höre häufig davon, dass Schuhe insbesondere dem weiblichen Teil der Menschheit als modischer Bestandteil zur Unterstreichung bestimmter Status oder Ästhetikmerkmale dienen sollen.

Bisweilen hat der Schuh von jeher auch etwas mit dem gesellschaftlichen Stand (Soldatenstiefel, Arbeitsschuhe) oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (Jesus-Latschen, Ökoschuhe) zu tun.

Manche Leute sollen gar nicht genug von Schuhen kriegen können, andere finden Schuhe erotisch. Der zierliche Damenfuß ist ja ein weit verbreitetes Schönheitsideal. In China entstand bereits im 10. Jahrhundert der Brauch, Mädchen ab dem Kleinkindalter die Füße zu binden. Gut 1000 Jahre lang hielt sich die grausame Mode. Die Folge: verkrüppelte Zehen, gebrochene Knochen, zehn Zentimeter klein wie eine Lotusknospe. Der Kaiser zumindest fand das erotisch. Diese äußert schmerzhafte Behandlung der Füße wurde erst unter Mao Zedong im 20. Jahrhundert verboten.

Vielleicht haben den Leuten also die Schuhe, die ich sehe, weh getan und sie wollten sie nicht weiter tragen und schon gar nicht einem Perversen ihre Füße zeigen.

Etliche Schuhe sehen wie Kunstwerke aus, und (meistens) man(n) fragt sich, wie frau darin laufen kann ohne dauerhaft Schaden zu nehmen.

Schuhe gibt es wohl seit über 10.000 Jahren, so die Aussage von Ethno-Archäologen. Die Schuhe die ich unterwegs sehe, sehen auch schon ziemlich alt aus. Vor 40.000 Jahren behalf mensch sich mit Fellen und Blättern, die um die Füsse gewickelt wurden.

Das gewöhnliche Volk ging lange Zeiten gar barfuss, deswegen hat die Fußwaschung eine besondere Bedeutung erlangt.

Sicher ist, dass sich die Leute, die die Schuhe im Seitengraben verloren oder zurückgelassen haben, sich anschließend die Füße waschen mussten, ohne König, oder Königin zu werden.

Vielleicht sind das auch übrig gebliebene Schuhe von einem der üblen Streiche des Till Eulenspielgels, der ja aus der Gegend kommt, in der ich lebe. Weil man ihn ausgelacht hat, hängt er ein Seil hoch über dem Fluss zwischen zwei Häuser. Er fordert sie auf, jeweils den linken Schuh auszuziehen und ihm zu überlassen. Er bindet sie mit den Schnürsenkeln zusammen und klettert auf das Seil, geht auf dem Seil bis zur Mitte, öffnet die Schnürsenkel und wirft die Schuhe hinunter. „Da habt ihr eure Schuhe wieder. Aber vertauscht sie nicht!“, heuchelt er! Bald prügeln sich Menschen um die Schuhe, es bleiben schmerzende Glieder und einsame Schuhe übrig.

Eine schonende Methode, sich eines Schuhes zu entledigen, sehe ich dann am letzten Tag meiner diesjährigen Radreise, dieses Exemplar ist noch zu gebrauchen!

Hochschuh

 

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Eine Antwort auf Der Schuh des Anstosses

  1. S. Tueckmantel sagt:

    Sehr schön :)

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