Wie ich plötzlich Kommissar wurde!

Wer wollte nicht immer schon mal als Kommissar in einem Krimi mitwirken!?!

Vor einiger Zeit ergab sich für mich ganz überraschend die Gelegenheit, als Komparse im 1000. Tatort (“Taxi nach Leipzig”) mitzuwirken. Über eine Casting-Agentur war eine Anfrage an einen guten Bekannten versendet worden, der sich -als mein Trompetenlehrer- offensichtlich an mein schauspielerisches Talent erinnert hatte und die Anfrage an mich weitergeleitet hatte.

Die zwei Drehtage, für die ich mich dann bewarb, sollten im “Hotel am See” in Salzgitter stattfinden, das für die Handlung zu einem Tagungsort für Lehrgangsteilnehmer der Polizei umfunktioniert werden sollte, der im Film aber nach Hannover verlegt wird.

Den Titel dieses Krimis gab es übrigens schon einmal, nämlich 1970.  Die Rahmengeschichte soll davon handeln, dass der Kieler Ermittler Klaus Borowski (Axel Milberg) und sein Kollege Sören Affeld (Trystan W. Pütter) bei einem Polizeikongress auf ihre Hannoveraner Kollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) treffen. Nach der Veranstaltung am Tagungsort steigen die drei gemeinsam in ein Taxi, dessen Fahrer eigentlich keine Fahrgäste mitnehmen will. Denn der Fahrer -ein Ex-Elite-Soldat- ist auf dem Weg nach Leipzig zu seiner Ex-Freundin, um diese von ihrer Hochzeit abzuhalten. Während der Fahrt kommt es zum Streit im Taxi und der Fahrer erschießt Affeld und nimmt Lindholm und Borowski als Geiseln.

Die Drehtage in Salzgitter, an denen ich teilgenommen habe, bezogen sich allein auf den Polizeikongress und einige Geschehnisse dort.

Spannend war zunächst die Information, dass Maria Furtwängler als Ermittlerin “Charlotte Lindholm” und Axel Milberg als Ermittler “Klaus Borowski” die Hauptakteure sein sollten und zugegen sein sollten. Zusätzlich wurden noch weitere Akteure dazu avisiert, so u.a. Peter Hallwachs (77) und Günter Lamprecht (85) und einige andere.

Produzenten dieses “Tatorts” sind Georg Feil und Dagmar Rosenbauer (Cinecentrum), die Redaktion haben Christian Granderath und Christoph Pellander

Warum sollte ich nicht mitmachen, waren meine spontanen Gedanken. Ich habe immer schon Freude daran gehabt, etwas Neues auszuprobieren, in eine neue Welt hinein zu schauen und eine komplett andere Atmosphäre auf mich einwirken zu lassen.

Gesagt getan… auf ging es nach Salzgitter….!!

Ich kam mit meinem Bekannten in Salzgitter Samstag in der Früh an und traf auf ca. Dutzende weitere Komparsen ( 80 bis 150 insgesamt) , die alle erst einmal in einen Vorbereitungsraum geführt wurden, um dort u.a. ihre mitgebrachte Kleidung (3 Kombinationen waren vorgeschrieben) einer strengen Musterung durch eine Kleidungsmanagerin (man verzeihe mir den unfachmännischen Ausdruck) unterzogen wurden. Selbstverständlich hatte ich mich zu Hause erst einmal von meiner Ehefrau beraten lassen, die diesbezüglich einen unfehlbaren Blick für das hat, was mir steht und was nicht. Entsprechend vorbereitet fand meine Garderobe locker Gnade vor den gestrengen Augen der Kleidungsmeisterin. Die Ansage war, sich nun genau zu merken, was man am 1. und 2. Drehtag anzog, um bei den Dreharbeiten nicht durch ständig wechselnd Klamotten aus dem Bild zu fallen.

Wir waren als Kommissare auf Lehrgang bestimmt, es wurden Namen verteilt und als Schildchen an die Kleidung geklebt, interessanterweise bekam ich zwei Namensschildchen, eines für die eine Szene, das andere für die andere Szene.

So wurde ich zum Kommissar, fühlte sich nicht schlecht an!!

Daneben wurden und diverse Bögen ausgefüllt und die Personalien ausgefüllt. Nun gut, nach einigen Ansagen und Ermahnungen, u.a. keine Bilder vom Set zu machen, die Smartphones auszuschalten (was niemand tat)…und vor allem ruhig sein (einfach mal die Klappe halten) warteten wir Komparsen auf weitere “Befehle”.

Während dieser Zeit warf ich vorsichtige Blicke auf die übrigen Komparsen und konnte kein besonderes Schema erkennen, nachdem diese Truppe zusammengestellt worden war. Weder waren offensichtlich das Alter, die Fülle an Leib und Haaren auf dem Kopf, weder waren Schlankheit, noch das Geschlecht, die Hautfarbe oder Sprachkenntnisse oder Schönheit und Anmut entscheidend gewesen. In meinem näheren Umfeld fielen mir schnell etliche Damen und Herren auf, die durch laute Unterhaltung und gelegentlich lautes Gelächter offensichtlich erfahrene Komparsen-Routiniers waren, und locker drauf zu sein schienen. Wie ich schnell herausfand, machten sie dies nicht zum ersten Mal, wie es überhaupt einen ganzen Schwarm von Menschen gibt, die quer durch ganz Deutschland reisen, um bei möglichst vielen Filmen als Komparsin oder Komparse mit zu wirken. Vermutlich auch um “entdeckt” zu werden!?! Manche Damen und Herren waren außergewöhnlich aufwändig geschminkt und vermuteten womöglich, sie selbst seien die Stars. Von anderen wurde hinter vorgehaltener Hand über diese und jene etwas berichtet, und hämisch getuschelt…. Von wieder anderen erfuhr ich, dass sie bei “Rote Rosen” oder GZSZ häufiger gecastet worden seien….

Nun, da war ich natürlich ein blutiger Anfänger.

Wesentlicher Gegenstand der Berichte dieser “Koryphäen” im Komparsendialog war dann auch, möglichst beeindruckende Begegnungen mit den Größen der Schaulspielerzunft zum Besten zu geben, um eindrucksvoll den Glanz eigener Grandiosität markant abzurunden.

Auch wenn ich mit derlei Erfahrungen (noch) nicht aufwarten konnte, ließ ich mir den Spaß an der Sache nicht nehmen und erwartete spannungsvoll den weiteren Verlauf der Dinge.

Irgendwann, nach mehr als zweistündiger Warterei wurden wir aufgerufen und durch die Haupt-Assistentin des Regisseurs, eine ältere, sehr resolute aber gleichwohl unglaublich freundliche und hochprofessionell arbeitende ältere Dame für die Dreharbeiten vergattert. Sie bedankte sich freundlich für die Mitwirkung und wies die Komparserie an, ruhig zu sein und den Anweisungen unbedingt und konsequent Folge zu leisten. Man dürfe auch überall hinschauen, nur nicht in die Kameras. Zudem solle man die Hauptdarsteller nicht behelligen, schon gar nicht durch Selfies oder Autogrammbitten nerven.

Nun gut, wie ich später merkte, hielt sich nur ein Teil daran, etliche versuchten ihre persönliche “Selfie-Sammlung” dann im Laufe des Tages “heimlich” zu füllen.

Wo man auch hinschaute, überall war die Location mit Technik und Menschen gefüllt.

In zwei Gruppen aufgeteilt, die sich entlang eines schmalen Ganges aufzustellen hatten, erwarteten wir dann den Beginn der Dreharbeiten.

Im Gang selbst war auf der einen Seite ein Buffet arrangiert war, auf der anderen Seite fiel taghell Licht durch die mit Glasbausteinen durchsetzte Wand. Den Grund der Helligkeit dafür erfuhr ich bald: unabhängig von der Außenbeleuchtung durch starke Lampe erhellt kann man so in der Location auch drehen, wenn es draußen dunkel ist.

Nach kurzer Einweisung “Jeder nur ein Schnittchen und ein Getränk” baute sich dann nach und nach jeweils an Standtischchen ein Dreiergrüppchen auf, das Kamerateam mit reichlich Personal wuselte herum, an jeder Ecke stand ein Gerät, und in einer Ecke saß ein Team und schaute in eine Art Fernsehgerät.

Irgendwann ging dann ein Raunen durch die Komparserie, denn die Stars, Frau Furtwängler und Milberg betraten die Szenerie. Während Milberg lässig schlendernd an den Komparsen vorbeizog, nach hier und da grüßte, stand Madame für sich, abgewandt und ließ sich von ihrer persönlichen weiblichen Make-up-artist (Maske kämmen und schminken… hatte im Übrigen eher wenig Neigung, dem gewöhnlichen Volk die Huld oder Gunst zu erweisen. In der Komparserie war man sich schnell einig, Milberg ist nett und Furtwängler, naja… vorsichtig gesagt …nicht so nett…

Sei es drum, irgendwann hieß es dann 1. Szene, die Klappe fiel und der Dreh ging los…

Die Kommandos lauteten jeweils wie ”Ruhe bitte…..Dreh ab…..Ton läuft….Szene 4, die 8…. uund BITTE!!”, und dann ging es in die Vollen.

Milberg reihte sich in der ersten Szene, an der ich mitwirken durfte,  in eine Schlange vor und hinter Komparsen am Buffet ein, zog sich ein Getränk und einen Keks, während Furtwängler die Schlange am Ende gleich überholte und sich bei Milberg zum Buffet durchhangelte…

Zwei Komparsen und ich standen mit vielen anderen jeweils grüppchenweise je an einem Stehtisch und hatten jeweils ein Getränk und ein Teller mit einem Schnittchen….

Unsere Aufgabe war es, so zu tun, als unterhielten wir uns als Teilnehmer in einer Pause eines Lehrganges einer Polizeiakademie und sollten den Getränken und Schnittchen zusprechen.

Irgendwann war die Mini-Szene gedreht und der Pulk um den Regisseur bewegte sich zum “Fernsehgerät”, um das eben erzeugte Produkt anzuschauen. Frau Furtwängler wurde neu hübsch gemacht… und dann hieß es, die Szene wird nochmal gedreht….

Da etliche von uns Komparsen am Getränk genippt hatten und unvorsichtigerweise ins Schnittchen gebissen hatten, musste das neu hergerichtet werden, also Gläser waren aufzufüllen und frische Schnittchen wurden hingelegt…

Same procedure…. ein drittes Mal, ein viertes Mal …ein fünftes Mal, ein sechstes Mal………ein elftes Mal…  es zog sich hin…. Für die Raucher unter den Komparsen eine harte Sache!

Für die Kollegen, die jedes Mal in ein Schnittchen gebissen hatte, wurde das ab dem sechsten Mal dann irgendwie auch anstrengender.  Ihnen wurde das alte Schnittchen weggenommen und ein frisches, neues hingelegt. Ich hatte mich von Anfang an nur an ein Glas Wasser bestellt und mich daran gehalten und nur dran genippt, ein großer Vorteil beim Ausharren, wie sich herausstellte.

Bewundernswert mit welcher Ruhe der hochgewachsene, schlanke und mittelalte Regisseur das Geschehen steuerte und lenkte. Mit ruhigen langen Schritten, leicht nach hinten gebeugt, wandelte er jeweils hin und her und gab Anweisungen und Kommentare zu seinem emsigen Schwarm. Seine Assistenz wirbelte dafür umso mehr herum. Zum “Bienenschwarm” gehörten etliche jüngere Leute, die mit Funksprechgerät, großen Schlüsselbunden am Gürtel, sehr legerer Kleidung und außergewöhnlichen Haarschnitten, sie wuselten nach unergründlichem Plan mit cooler Haltung und wichtigster Miene immer wieder durch das Geschehen, und nahmen Handlungen zum Gelingen des Sets vor, deren Sinn oder Zusammenhang sich so gewöhnlichen Menschen, wie mir als Komparsen auf den ersten Blick nicht weiter erschloss. Macht ja nix!

Irgendwann war dann die Szene zur Zufriedenheit des Regisseurs abgedreht und wir Komparsen waren entlassen für eine Mittagspause. Ich kann nur sagen, es gab an beiden Tagen ein sehr ordentliches Essen, heiße Suppen, zwei zur Auswahl und zwei verschiedene Gerichte.

Nach dem Essen hieß es sich ausruhen, sowie die vormittags durch die Kleidungsfee bestimmte zweite Kleidungsgarnitur anzuziehen und auf weitere Anweisungen zu warten.

Nach etlichen Viertelstunden hieß es dann wieder „Komparserie mitkommen“ und der ganze Schwarm ergoss sich aus dem Ruheraum die Treppen hinunter und wurde in einen großen Saal gelenkt, der dann für den Rest des Tages und am nächsten Tag der Drehort sein sollte.

Wie bei einem Seminar waren Stuhlreihen aufgebaut und vorne stand ein Rednerpult hinter dem Plakate standen. Ein Beamer warf  Charts an die Wand, auf denen etwas über Kriminaltheorie zu lesen stand.

Schnell versuchte man als Komparse einen Platz in den möglichst vorderen Reihen zu ergattern, in der Hoffnung dann auch aufgenommen zu werden. Nachdem sich der Schwarm der Komparsen gesetzt hatte wartete man. Die meisten hatten aber die Rechnung ohne die Haupt-Assistentin des Regisseurs gemacht die mit kritischem Blick die Sitzenden musterte und reichlich Umbesetzungen vornahm, deren innere Regie und Ausrichtung uns Komparsen aber verborgen blieb.

Im weiteren Verlauf des Geschehens bauten sich dann um uns herum, in mehrfacher technisch-konstruktiver Kamerasituation auf, wo Schienen verlegt wurden, wieder abgebaut wurden, Stuhlreihen geteilt wurden, wieder zusammengeführt wurden etc….

Neugierig warteten wir in Stuhlreihen gepferchte Komparsen auf den weiteren Gang der Dinge….

Sodann kam ein Schauspieler und trat vor uns und rezitierte als Kriminalexperte einen unglaublich komplizierten Text, ohne sich auch nur einmal zu versprechen. Für die zigfache, jeweils fehlerfreie Wiedergabe des enorm schwierigen Textes bekam er wiederholt von den Komparsen spontanen Beifall.

Nach dem ersten Szenedreh steckte das Filmteam die Köpfe zusammen und beriet sich, mit dem Ergebnis noch einmal alles neu zu drehen….

Das wiederholte sich mehrere Male, bis dann der Regisseur entschied, die Stuhlreihen und die Komparsen neu zu ordnen und die Szene komplett neu zu drehen, aber natürlich mehre Male….

Während seines Vortrages in freier Rede schaute der Referent uns an, aber gelegentlich auch mit leicht verstörtem Blick über unsere Köpfe hinweg zur Tür, wo Milberg stand…. und zuckte merklich zusammen, sobald er diesen wahrnahm.

Irgendwann war das auch abgedreht und wir Komparsen wurden zum Feierabend entlassen.

Am nächsten Tag standen wir morgens zunächst wieder unter der Fuchtel und kritischen Beobachtung der Kleidertante, die peinlich darauf achtete, dass wir dieselben Klamotten angezogen hatten, die wir am Nachmittag des Vortages getragen hatten.

Wir nahmen wieder dieselben Plätze ein, die wir am Vortag eingenommen hatten und harten der Dinge, die da kommen sollten.

An diesem Tag sollte Günter Lamprecht einen Vortragt halten…Waren schon die Vorbereitungen aufwändig, indem sich alle Komparsen mit derselben Kleidung am selben Platz einzufinden hatten und dies etliche Zeit in Anspruch nahm, wurden auch hier mit verschiedenen Szeneneinstellungen die Geduld der Schauspieler und Komparsen redlich auf die Probe gestellt.

Günter Lamprecht meisterte, obwohl betagt, absolut professionell und souverän seinen Part. Er musste vorlesen, und es war ein Genuss seinen immer noch beeindruckenden Stimmen zuzuhören.

Nachmittags waren dann kleinere Szenenteile zu absolvieren. In einer Einstellung hatte man die Kamera vor der ersten Reihe auf Schienen aufgebaut und in Folge dessen war höchste Konzentration für die Komparsen geboten, denn die Kamera fuhr die Reihen frontal an und schaute durch die Reihen durch. Da war unverwandter Blick nach vorne, ohne Zappeln und Hinschauen, durch die Kamera hindurch….

Am Ende des Drehtages ließen sich dann etliche Schauspieler hin und “erlaubten” den Fans = Komparsen Bilder mit den Smartphones zu schießen und genossen die Bewunderung.

Tja, insgesamt waren das zwei spannende Tage, an denen man die Mühsal und die Komplexität der Entstehung eines Filmes zu Teilen mitbekommen konnte.

Resümee :

Das Geschehen bei der Herstellung eines Filmes ist aufregend, ein unglaublich kreativer Akt. Es ist aber mit enormer Anstrengung und Disziplin für alle Beteiligten verbunden, harte Arbeit, die einem viel Respekt abnötigt. Als Komparse hat man die komfortable Lage, dass man Beobachter und Mit-Akteur zugleich ist, also Genuss und Spannung zugleich. Es macht Spaß in eine andere Rolle zu schlüpfen, sich quasi neu zu entwerfen und zu entdecken.

Ich würde es wieder tun.

P.S.

Und wie der Zufall es wollte, habe ich für Samstag, den 09.April eine neue Bestellung als Komparse in Hannover in einem Film “Plötzlich Türke” bekommen….

Warum nicht!!!

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