Der innere Vater

Mein Vater, als Kadett auf der Gorch Fock

…Vor genau 5 Jahren hatte ich das Alter erreicht, das mein Vater (Jahrgang 1915) erreicht hatte, als er einem schnellen bösartigen Leberkrebs-Tod erlag.

Ich muss deshalb oft an ihn denken. Als heranwachsender Knabe habe ich sehr unter seinem barschen Ton, seinen aggressiven Handlungen und Züchtigungen gelitten. Sehr mitgenommen hatte mich, dass er meine Mutter und uns Kinder wegen einer jüngeren Frau verließ und meine Mutter im Alter von 35 Jahren, allein mit uns 4 Kindern, zurückließ; ich war 15 Jahre alt, meine Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester, alle deutlich jünger. Da brach eine schwere Zeit für uns “Zurückgebliebenen” an.

Auf dem Bild ist er schätzungsweise 18 oder 19 Jahre alt und in der marinen Kadetten-Ausbildung auf der ersten Gorch Fock, die 1933 als Bark getakeltes Segelschulschiff bei Blohm & Voss für die Reichsmarine gebaut worden war.

Er wurde 59 Jahre alt, ich war zum Zeitpunkt seines Todes 22 Jahre alt, und mittelloser Student in München. Das ist sehr viele Jahre her.

Mein Vater war eins von mehr als einem Dutzend Kindern eines Bahnwärters und seiner Frau und war 14-jährig von zu Hause (Dithmarschen) nach Hamburg weggelaufen, um sich hoffnungsvoll bei der christlichen Seefahrt zu verdingen. Es muss wohl aber sehr hart für ihn gewesen sein, er sprach aber selten über die harte Zeit, zunächst als Bootsjunge bei der Handelsmarine. Seitdem hat er sich als Autodidakt hochgearbeitet, wurde im Krieg als Oberbootsmann auf einem Minensucher eingesetzt. Zweimal wurde das jeweilige Schiff, auf dem er im Einsatz war, versenkt. Nach dem Krieg geriet er viele Jahre in Gefangenschaft.

Stress und Lebenskampf ohne Ende.

Danach bekam er die Chance in Mecklenburg Lehrer zu werden, er lernte meine Mutter kennen, die als Junglehrerin in einer “Zwergschule” tätig war.

1954 stand er in Rostock auf einer Liste des Stasi, da er sich als Lehrer “unziemlich” öffentlich und privat über die Regierung in der damaligen DDR (wir nannten es SBZ) und das Ministerium für Staatssicherheit geäußert hatte. Er bekam einen Tipp kurz vor seiner Verhaftung und floh mit meiner hochschwangeren Mutter und mir über Nacht, zu Fuß und mit der Eisenbahn, über Berlin in die Pfalz unter Zurücklassung allen Hab und Gutes und aller Freunde und Bekannten.

Für diesen Entschluss und die Umsetzung bewundere ich ihn noch heute.

Er war noch 15 weitere Jahre Lehrer an Hauptschulen in Westdeutschland. Als Lehrer war er sehr geachtet, sehr belesen, konnte toll zeichnen und malen, er liebte alles, was mit Marine zusammenhing, und das Angeln.

Die Marine und das harte Leben in seiner Jugend haben ihn sehr geprägt, er war verschlossen und irgendwie immer auf der Suche und schien von permanenter innerer Unruhe erfüllt. Familie war eigentlich nichts für ihn.

Mehr als ich wahrhaben wollte, hat er mein Leben und meine Einstellungen geprägt. Selbst in der Ablehnung seines Verhaltens räumte ich ihm letztendlich (zu)viel Platz in meinem Inneren ein. Obwohl er nun schon so lange tot ist, und Zeit seines Lebens mehr abwesend und abweisend als anwesend und zugewandt, ist er nach wie vor in mir präsent.

Ich bemühe mich jetzt, “in suo anno” angekommen, sein Leben und das seiner Generation mit neuem Abstand und mehr Gelassenheit neu zu verstehen.

Anhang:

197. Lunyu 1.11 (Kapitel Xue Er)

Konfuzius sprach: “Zu Lebzeiten Deines Vaters gebe acht auf seine Wünsche – nach dem Tode Deines Vaters gebe acht auf seine Taten.
Wenn Du Dich auch nach drei Jahren noch an seinem Weg orientierst, dann kann das wahre Kindespietät genannt werden.”

 

1. Lunyu 2.11

Konfuzius sprach: “Wer sich das Alte noch einmal vor Augen führt, um das Neue zu verstehen, der kann anderen ein Lehrer sein.”

 

22. Lunyu 4.7. (Kapitel Li Ren)

Konfuzius sprach: “Die Fehler der Menschen fallen alle in bestimmte Kategorien. Betrachtet man die Fehler eines Menschen, so kann man in ihnen schon die guten Seiten dieses Menschen erkennen.”

 

Dieser Beitrag wurde unter Erlebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Der innere Vater

  1. david_zwei sagt:

    Danke für Deine Offenheit!

  2. Conny sagt:

    Ich wünsche Dir viel Glück bei der Bewältigung der Aufgabe, die Du Dir da gestellt hast!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>