Berg und Tal!

Die größte Sinnlichkeit ist die Phantasie… Christian Morgenstern (1871 – 1914).

Vor mir liegt ein weiß glänzender Berg, vielleicht ist es auch nur ein Hügel.

Er ist mehrgipflig, wobei die einzelnen Teilgipfel rund sind. In der Geomorphologie, der Landformenkunde, würde man sie als Kuppen bezeichnen.

Der obere Bereich wird von einer duftigen weißen Wolke umhüllt.

Mein Berg vor mir ist namenlos. Er erhebt sich deutlich von dem ihn umgebenden Bereich ab.

Seine Hänge und Flanken sind körniger Struktur und weisen kleine Plateaus auf.

Ich kann bei genauem Hinsehen an den Flanken winzige weiß-braune Kristalle erkennen, die wie vom Wind dorthin verweht worden sind.

Am Fuß des Objektes sehe ich eine rote Flüssigkeit, die den Berg rund umspült. Darin kann ich runde Körper erkennen, die vereinzelt und in Gruppen herumlungern.

Einige kleine Plateaus sind ebenfalls von der roten Flüssigkeit erfüllt, wie kleine Weiher inmitten eine Berglandschaft.

Ein Bereich zu Füßen des Berges wird zudem noch von einer grünlich-gelblichen breiigen Masse belagert, die sich an deren Rändern mit dem Rot der Flüssigkeit mischt.

Ich stelle mir vor, ich bin auf einer spannenden Exkursion unterwegs, so wie ich als Student in einer Gruppe ab und zu mit dem Professor in die Alpen unterwegs war, um einen von Gletschern bedeckten Berg zu untersuchen.

Nun, hier bin ich aber allein auf mich gestellt.

Da ertönt plötzlich wie aus der Ferne eine Stimme, die mich aus meinen Träumen reißt.

Ich realisiere, ich sitze mit meiner Frau am Mittagstisch. Sie fragt, wann ich endlich zu essen anfangen möchte. Ich säße nun schon eine Weile vor meinem vollen Teller und nichts täte sich.

Es gäbe doch Milchreis mit Kirschen, Apfelmus, Sahne, Zimt und Zucker, zugegeben, immer noch eins meiner Lieblingsessen!

Aus der Traum! Egal.

Die Geschichte geht weiter.

Während ich nach und nach meinen Löffel in die gehörige Portion Milchreis mit Zutaten versenke, und den Inhalt genieße, geht das gedankliche Abenteuer weiter.

Spannend wie sich die Aushöhlung einer Flanke auf die Gesamtstandfestigkeit des Gebildes auswirkt. Abbrüche purzeln ins Tal und erzeugen kleine Wellen in der Flüssigkeit, die sogar die eine oder andere Kirsche in Bewegung setzen. Entnahmen des Apfelmuses haben keine Auswirkung auf das System. Um das Kirschwasser solange wie möglich zu nutzen, wird eine kleine Talsperre gebaut, aus der nach und nach etwas entnommen wird.

Wie gut, dass der Kochtopf mit weiterem Milchreis zwischen meiner Frau und mir steht, so bekommt sie nicht alles mit, was Spannendes auf und in meinem Teller geschieht.

Süß ist es, egal welchen Alters, sich der Phantasie zu überlassen. Marcel Proust (1871 – 1922)