“Freies Schiessen” oder “wie ich mal wieder laufen lernte”

Ich wohne in der Provinz! Damit es gleich klar ist: ich find das gut.

Hier, wo ich wohne, gibt es eine schmucke mittelgroße Kreisstadt, sie heißt Peine. Die Menschen sind hier arbeitsam, fleissig und bescheiden. “HalliGalli” ist hier weniger angesagt. Aber einmal im Jahr verwandelt sich die Stadt und mit ihr ihre Menschen.

Es steht an das jährliche “Peiner Freischießen”, dies findet jährlich für fünf Tage am ersten Wochenende im Juli statt.

Namensgebend für das Volksfest ist ein uralter Brauch, nach dem sich die ” mit Fuhsewasser (kleines Flüsschen durch Peine)  getauften” Peiner von bürgerlichen Pflichten „freischießen“ konnten, streng genommen nur der Sieger. Es wird angenommen, dass  nach der Stadtgründung um 1220 eine “Bürgerwehr” in der häufig umkämpften Stadt existierte. Auf Peine dürften der Bischof von Hildesheim, der König von Hannover und der Herzog von Braunschweig jeweils ein begehrliches Auge geworfen haben. Da musste man sich kräftig wehren. Durch das Freischießen konnte man sich für ein Jahr von den Steuern freimachen, gleichzeitig wurden die Männer im Gebrauch von Schusswaffen fit gemacht, was wohl auch oft von Nöten war.

Heute nicht mehr nötig, aber die Spaß-Konponente ist erhalten geblieben.

Traditionell treten 7 “Korporationen” (Zusammenschluss wehrhafter “akkerater” Mannsbilder”) an, von denen jede ihren eigenen “König” durch Wettschiessen (Kleinkaliber) ermittelt. Es gibt 3 so genannte “Bürgerkorporationen”(Neues Bürger Corps (1927), Bürger Jäger Corps (1871), Schützengilde (1597)), die untereinander den “Bürgerkönig” ausschiessen. Dann gibt es noch das Corps der Bürgersöhne (1814) (Junggesellen), den MTV Vater Jahn Peine von 1862 Corporation, den TSV Bildung von 1863 sowie den Peiner Walzwerker Verein von 1878.

Freitagabend wird das Fest traditionell mit einem Großfeuerwerk auf dem Schützenplatz eröffnet. Von Freitag bis Dienstag Nacht ist dann in Peine ein tolles Volksfest, u.a. auf dem Peiner Schützenplatz, mit viel Musik, Fahrgeschäften für Groß und Klein und vielen Ständen mit unzähligen kulinarischen Köstlichkeiten.

Durch die vielen Spielmannszüge und Musikkapellen erleben die Besucher auch noch ein musikalisches Feuerwerk.

So und jetzt sind wir bei der Sache:

Seit 2 Jahren bin ich als Trompete spielender Spielmann involviert, und, Leute, ich kann Euch nur sagen, es ist klasse, vor allem, wenn man bei der MSG-Ilsede ( www.msg-ilsede.de) mitwirken kann, find ich jedenfalls. Wir dürfen als Kapelle für TSV Bildung von 1863 spielen, eine überaus nette und volksnahe Korporation, bei man sich sofort wohlfühlt.

Die MSG – Kapelle war heuer mit fast 40 hoch-, ach was, höchst motivierten Musikerinnen und Musikern angetreten, dem entsprechend ein super Sound!

Na klar, gibt es noch zig andere Kapellen und Spielmannzüge, die selbstverständlich auch hervorragend performen.

Glaubt ja nicht, dass das Ganze etwas zum Schlendern ist.

Also erstmal wird beste Kondition und Trinkfestigkeit vorausgesetzt, vom musikalischen Können ganz abgesehen. Pro Tag sind etwa 13.000 bis 15.000 Marschschritte zu machen und 30 bis 50 Märsche bei unterschiedlichsten Anlässen zu spielen, Dauer gerne 5 bis 8 Stunden am Tag und mehr!.

Tja, und zwar nicht nur so traditonelle, sondern richtig flotte Märsche. da zuckt das Bein von alleine.

Beim unablässigen Marschieren hat der Spielmann auf den Leiter (vorne links) und insbesondere das Schlagzeug zu hören, dass den Takt angibt. Lustig, dass immer einer mit rechts zu marschieren beginnt. Dann hat man auf den linken und rechten Seitenmann zu achten, damit die Rotte und die Reihe und das Erscheinungsbild stimmt. Ach ja, und musizieren soll man auch noch, die Augen sind dabei auf die in der “Marschgabel” eingezwängten Noten zu fixieren. Und auf die Vorzeichen, ein “#” oder ein “b”, oder zwei oder drei…., Hauptsache auch, man hat genug Luft! … und alles gleichzeitig!

Also wenn das im Hirn nicht gegen Verkalkung hilft, weiß ich auch nicht!

Am Rand stehen  meist begeistert zurufende und fröhliche Zuhörerinnen und Zuhörer.

Leider kann man unterdessen beispielsweise gegen ein offensichtlich sich anbahnendes Fiasko nichts unternehmen. Stehen da doch viele Kinder und warten mit Helium gefüllten Ballonen auf einen. Eine Frau ruft mit schneidender Stimme irgendetwas, man ruft noch “geht weg da, die Ballone starten und landen sonst alle im Baum.” Aber, was soll’s: Mac Murphy lässt grüßen, die Ballone landen natürlich im Baum, denn die überwiegend weiblichen Betreuerinnen habe sich des Schattens wegen mit den wartenden Kinderchen natürlich unter den Baum gestellt.

Nun, unsereins marschiert tapfer weiter.

Zwischendurch schmeissen alle  -selbstverständlich gut aussehenden- Peinerinnen mit Blumen (Rosen) auf einen, manchmal wird man geküsst, ob man will oder nicht… aber das gehört einfach dazu….!

Die Marschiererei ist anstrengend, uns so stärkt man sich und ruht sich aus.

Die Instrumente werden unterdessen “akkerat” abgestellt:

Immer wieder landet man nach einem geheimnisvollen Plan auf dem Marktplatz, wo wichtige Menschen Reden halten, denen nur wenige zuhören!

Alle Kreaturen warten die Reden ab und marschieren dann weiter.

Den Abschluss bildet ein abendlicher Marsch durch die Altstadt (Fackelumzug), bei dem einen so richtig das Herz aufgeht; die ganze Stadt feiert und alle Menschen haben sich lieb, mehr oder weniger jedenfalls.

Ja, es war wieder mal richtig schön!

Auf Wiedersehn.. und danke, liebe MSG!

 

 

 

 

 

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4 Antworten auf “Freies Schiessen” oder “wie ich mal wieder laufen lernte”

  1. Rudolf Wurzler sagt:

    Hallo Wolfgang,
    Gratulation. Eine tolle Darstellung des Freischießens aus Sicht eines Musikers.
    Leider ist mir dieser Spaß aus gesungheitlichen Gründen nicht mehr vergönnt.
    Aber ich kann deine Eindrücke gut nachvollziehen.

    Gruß
    Rudi

  2. Uwe Gemba sagt:

    Liest sich wunderbar, lieber Bruder:
    “… da zuckt das Bein
    von ganz allein …

  3. Seppl sagt:

    Hallo Wolfgang,
    herzlichen Glückwünsch zu Deinem Bericht über das Peiner Freischießen.
    Auch ich konnte leider nicht an allen Tagen teilnehmen. Die Bilder haben einige Erinnerungen geweckt. Hoffentlich lesen Deinen Bericht auch Außenstehende, damit Sie von Deiner Begeisterung für die MSG angesteckt werden.
    MFG Seppl

  4. Gesa Malin Gemba sagt:

    Da fühlt es sich nur halb so schlimm an, nicht dabei gewesen zu sein :) !

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