Warte mal schnell!

Haben Sie Angst vor Schlangen?  Zumindest Warteschlangen haben sich momentan sehr vermehrt.

Jüngst ging es zur Dorf-Poststelle, Osterpakete waren auf den Weg zu geben.

Schon von weitem war zu sehen, dass unsereins nicht als Einziger auf diese Idee gekommen war. Nur eine Person hatte jeweils laut Anschlag Zutritt. Vor der Poststelle hatte sich deshalb eine Warteschlange aufgebaut.  Alle standen einzeln, in gebührendem Abstand voneinander. Abstandsgerecht sortierte sich unsereins ein.

Die Sonne schien, blauer Himmel, es war warm, also alles fein.

Mir fielen meine Familienbesuche in den 70er, 80er Jahren in Rostock ein. Da lernte ich das „Schlange stehen“ in Vollendung kennen. Die einfallsreichen Menschen „drüben“ prägten den Begriff des „sozialistischen Wartekollektives“, die übliche Reihung disziplinierter und ständig irgendwo wartender Genossinnen und -genossen.

In so einem „Wartekollektiv“ ist es nicht langweilig. Man trifft Menschen, denen nicht jede Minute kostbar ist, die auskunftsfreudig sind und mit denen man die Wartezeit unterhaltsam gestalten kann.

So auch vor der hiesigen Poststelle.

Im „Poststellen-Wartekollektiv“ kam man schön ins Gespräch, es herrschte eine freundliche und verständnisvolle Atmosphäre. Ist doch klar: Sonst ist drinnen in der Poststelle schnell der Wohlfühlabstand unterschritten, wenn einem andere Wartende zu dicht auf die Pelle rücken.

Im Wartekollektiv mit jeweils mindesten zwei Metern Abstand lässt es sich gut aushalten.

In der Poststelle wurde fleißig gearbeitet, nach und näher rückte man näher an den Eingang. Neuzugänge verlängerten die Warteschlange am Ende, womit  Chancen auf neue Gesprächsthemen erwuchsen.

Ein sportlich gefahrenes Auto rauschte heran. Ein Mann sprang heraus, mit einem Retouren-Päckchen in der Hand. Er hatte es eilig. Als er die Warteschlange sah, lief er einfach an der Wartschlange vorbei zum Poststelleneingang.

Im „Wartekollektiv“ wurde es laut, er wurde aufgefordert, sich hinten an zu stellen.

Nicht seine Sache, teilte er dem Wartekollektiv mit, er hätte es eilig und wolle nur schnell etwas abgeben. Das Wartekollektiv wurde nun richtig munter und gab vielstimmig sehr deutlich zu erkennen, wo das Ende der Warteschlange war.

Auch das fruchtete nicht. Das Kollektiv hielt weiter geschlossen gegen.

Laut schimpfend über so wenig Mitgefühl für ihn, verließ er unverständlicherweise den Platz, stieg in seinen Wagen und brauste unverrichteter Dinge sehr sportlich davon.

Ruhe kehrte im Wartekollektiv ein, die Ausgangslage war wieder erreicht. Fast ein bisschen schade, als unsereins die Poststelle betreten konnte und das Wartekollektiv verlassen musste.